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Ein Vortrag von Marianne Eberhard-Kaechele, Wissenschaftliche Leiterin des Langen Instituts
Tanztherapie: Indikationsstellung, Wirkfaktoren, Ziele
Vortrag im Rahmen des Symposiums des Landschaftsverbandes Rheinland "Mit allen Sinnen: künstlerische Therapien im Rheinland" vom 15.-16.11.2001 im Horion-Haus des Landschaftsverbandes Rheinland, Köln
Einführung:
Ausgangspunkt der folgenden Ausführungen bildet die allgemeine Fragestellung der Tagung "Mit allen Sinnen: künstlerische Therapien im Rheinland", nach Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den verschiedenen künstlerischen Therapien. Als Vertreterin der Tanztherapie wurde ich des weiteren gefragt, nach speziellen Eigenschaften, die Tanztherapie im Vergleich zu anderen künstlerischen Therapien besitzt. Das Resultat ist ein Überblick über möglichst viele Aspekte der gefragten Themenbereiche. Dabei wurde auf Beispiele oder längere Erläuterungen verzichtet.
Als erstes möchte ich Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufzeigen die mir begegnet sind in meinem klinischen Alltag.
An der Klinik Wersbach, Klinik für Psychosomatische und Psychotherapeutische Medizin erarbeitete ich im Austausch mit meinen Kolleginnen Eva Scheuer, Musiktherapeutin, und Michaele Gimbel, Gestaltungstherapeutin, eine vergleichende Darstellung unserer Verfahren, mit dem Ziel, die Indikationsstellung innerhalb des Klinikkonzeptes zu erleichtern.
Das Konzept der Klinik Wersbach sieht vor, dass Patienten in der Regel an einer der drei künstlerischen Therapien teilnehmen. In schwer verbal zugänglichen Fällen können zwei künstlerische Verfahren eingesetzt werden. Darüber hinaus wird bei sehr langen Behandlungsverläufen gelegentlich ein Wechsel des Verfahrens in Erwägung gezogen.
Vergleichende Indikationsstellung der Verfahren Tanz-, Musik- und Gestaltungstherapie
Für den Bereich Psychosomatik/Psychotherapie
Der nivellierender Einfluss von Therapeutin und Setting:
Wesentliches Ergebnis des Vergleichs war die Tatsache, dass die Persönlichkeit der Therapeutin wahrscheinlich einflussreicher ist als das Verfahren. Dietrich Langen, erster Lehrstuhlinhaber für Psychotherapie in Deutschland, prägte die Definition der Psychotherapie als Beziehungsmedizin mit der Aussage: "Es heilt der Arzt, nicht die Methode." Womöglich bestehen zwischen einer Musiktherapeutin und einer Tanztherapeutin mit ähnlichem Charakter weniger Unterschiede als bei zwei Tanztherapeutinnen mit unterschiedlichem Charakter.
Diese Erkenntnis führt zu der Konsequenz, die Indikationsfrage abhängig von der Person der Therapeutin zu stellen, wenn eine solche Wahlmöglichkeit in einer Einrichtung gegeben ist. Wenn Patienten über Schwierigkeiten mit der Kunstform oder des Verfahrens klagen, ist eine Reflexion der Beziehungsebene angezeigt, bevor ein Wechsel des Verfahrens erwogen wird.
Das zweite Ergebnis unseres Vergleichs war, dass das Einzeltherapeutische Setting, die Anpassung der künstlerisch-therapeutischen Methoden an die Bedürfnisse des individuellen Patienten ermöglicht. Die Unterschiedlichkeit der Verfahren wird somit nivelliert. Denn jedes Verfahren verfügt über strukturierte und offene, aufdeckende und stützende, produzierende und rezeptierende, individuelle und interaktionelle Vorgehensweisen.
Für die Tanztherapie lässt sich sagen, dass das Indikationsspektrum sehr breit ist, weil die Methode direkt an verschiedenste Zielgruppen entwickelt wurde und erst später zu einem Ganzen zusammen gefügt wurde. Dies steht im Gegensatz zu Methoden, die zuerst an einer Population entwickelt und später in ihrer Anwendung auf andere Zielgruppen übertragen wurden. Das Indikationsspektrum umfasst somit alle Altersgruppen vom Säugling bis zum Greis, Störungsbilder von psychiatrischen über psychosomatischen bis hin zu organischen Erkrankungen und Behinderungsformen von geistiger- über körperlicher- bis hin zu Sinnesbehinderungen. Daher ergeben sich Kontraindikationen für ein künstlerisches Verfahren im Einzelsetting weniger aus dem Krankheitsbild, als aus den Persönlichkeitsmerkmalen des Patienten, die seine Ansprechbarkeit mittels dieses Verfahren erschweren.
Es folgen nun Ansätze für die Indikationsstellung, bezogen auf die individuelle Ansprechbarkeit, Neigungen und Vorerfahrungen eines Patienten.
Personen-bezogene Indikation für die künstlerischen Therapien in der Psychosomatik:
In einem Aufnahmegespräch kann spontan und durch direktes Nachfragen ermittelt werden, welche Beziehung der Patient zu den verschiedenen künstlerischen Medien, bzw. zu den primär angesprochenen Sinnen, hat. Entsprechend des Therapiezieles kann mit diesem Wissen ein individueller Behandlungsansatz gewählt werden.
Stützender / Ressourcen-orientierter Ansatz:
Das Verfahren, zu der ein Patient den besten, beziehungsweise den einfachsten Zugang hat, ist indiziert.
Es ermöglicht eine positive, möglicherweise konfliktfreie Erfahrung des Selbst, sowie das Erleben und Stärken von Ressourcen und Sicherheit.
Dieser Ansatz ist zu empfehlen bei destabilisierten, strukturell geschwächten Patienten, um Stabilität und Belastbarkeit für den Alltag zu gewinnen, oder als Vorbereitung für konfliktorientierte Ansätze.
Konflikt- / Defizit-orientierter Ansatz:
Das Verfahren, das der Patient am meisten vermeiden möchte, ist indiziert.
Es ermöglicht die Begegnung mit abgespaltenen Selbstanteilen und aktualisiert negative biographische Erfahrungen zum Zweck der korrigierenden Neuerfahrung.
Für diesen Ansatz benötigen Patienten eine gewisse Stabilität bzw. ein gewisses strukturelles Niveau. Wichtig bei der Umsetzung dieser Indikation ist die Vermittlung der herausfordernden, zutrauenden Absicht hinter der Indikation, und die Gelegenheit innerhalb und außerhalb der künstlerischen Therapie genau auf die Ängste und Widerstände einzugehen, die den Patient mit dem unerwünschten Verfahren verbindet.
Bei längeren therapeutischen Prozessen kann ein Wechsel vom sicherheitsgebenden zum erregenden Verfahren sich gewinnbringend auswirken.
Aufdeckender Ansatz:
Manche Behandlungen verfolgen dem Teilziel, die Ursachen einer Erkrankung zu ergründen.
Die einzelnen künstlerischen Verfahren sprechen bestimmte Hirnareale, mit ihren entsprechenden Informationen, Erinnerungen und Fertigkeiten an. Daher kann es sinnvoll sein zu erwägen, mit welchem Medium die notwendige Information für die Bearbeitung eines Konflikts oder eines Traumas auf zu decken ist. Hilfreich hierzu kann die Nachfrage bei der Aufnahme sein, mit welchen Sinneseindrücken (visuell, akustisch, taktil, propriozeptiv, motorisch) der Patient sein Problem oder seine traumatischen Erfahrungen verbindet.
Bei ausgeprägten, evtl. professionellen Fertigkeiten in einer Kunstform:
Patienten können ihre Fähigkeiten als Ressource nutzen, besonders dann wenn die Fertigkeit seit einiger Zeit oder im Rahmen der Erkrankung verschüttet wurde. In solchen Fällen ist diese vertraute Kunstform zu wählen.
Manche Patienten können ihre Fertigkeit als pathologische Abwehr einsetzen, oder aber sie sind in ihren technischen oder professionellen Zugang zu der Kunstform so behaftet, dass sie unbewusste Impulse kaum zulassen können. In diesen Fällen ist eine ihnen unbekanntere Kunstform indiziert.
Bei ausgeprägter Abneigung gegen eine Kunstform:
Für kurze Therapien lohnt sich der Umgang mit dem Widerstand nicht. Bei längerem Aufenthalt kann die Auseinandersetzung mit der Abneigung wichtige Konflikte aufdecken und deren Bearbeitung ermöglichen (s.o. konfliktorientierter Ansatz).
Häufig zeigen männliche Patienten eine anfängliche Abneigung gegen Tanztherapie. Ein kultureller Einfluss ist hier nicht zu verleugnen, da Einzel- und Gruppen-Tanz in Deutschland eher als unmännlich bewertet wird. Meist gelingt es, die Patienten über Medien wie Bälle und Stäbe die als männlich identifiziert werden, zu integrieren. Mit der Zeit erweitert sich dann die Palette der zugelassenen Bewegungsformen.
Die Tanztherapie kann auch bei Patienten, die ihren Körper zur Abspaltung negativer Affekte nutzen, anfänglich einen massiven Widerstand erzeugen. Hierzu gehören Krankheitsbilder wie Essstörungen, Dissoziationsstörungen, psychogener oder organisch bedingter Schmerz und psychogene Lähmungen, oder wenn ein starker sekundärer Krankheitsgewinn besteht.
In diesen Fällen lässt sich dieser Widerstand meist durch ein Vorgehen beheben, welches die Funktionen des Symptoms berücksichtigt und anderweitig umzusetzen hilft (wie etwa Ängste abzuwehren, Aggression abzuführen, Aufmerksamkeit zu sichern, narzisstische Kränkungen zu kompensieren, etc.).
Somatische Erwägungen:
Bei Hörschäden ist Gestaltungstherapie angemessen, Musik oder Tanz nur im Einzelverfahren.
Bei körperlichen Leiden ist zu klären ob Gruppentanztherapie förderlich ist (z.b. bei somatisierungs- Störungen) oder zu konfrontativ ist, (z.b. bei starker körperlicher Traumatisierung, massiver körperlicher Behinderungen, fortgeschrittenen Alterungsprozessen). In solchen Fällen ist Einzeltherapie, Gruppentherapie in einer homogenen Gruppe oder ein anderes Verfahren angezeigt.
Ungeachtet der persönlichen Zugänglichkeit besitzt jede künstlerische Therapie besondere Eigenschaften. Diese kommen besonders im Gruppensetting zum tragen. Für die klinische Indikationsstellung zur Gruppen-Tanztherapie, -Musiktherapie, oder -Gestalungstherapie war die Adaption von Vergleichskriterien und Konzepten von Paolo Knill hilfreich. Im Anschluss an die Darstellung der Vergleichstabelle möchte ich die Kriterien der Tabelle erläutern.
Vergleichstabelle für Tanz, Musik und Gestaltungstherapie
Sinnesmodalität bei der Gestaltung/Interpretation:
Hier wird angeführt, welche Sinne in besonderem Maße von einer Kunstform angesprochen werden. Bei der Indikationsstellung kann erwogen werden, durch welche Sinnesmodalität der Patient zugänglich ist und wodurch Konflikte oder traumatisches Material gezündet werden könnten. Entsprechend des Ansatzes (ressourcen- oder konfliktorientiert) kann das Verfahren gewählt werden.
Sinnesmodalität bei der Gestaltung/Wahrnehmung als Publikum:
Bei dieser Rubrik möchte ich hervorheben, das in der Tanztherapie ein entscheidender Wechsel der Sinnesmodalität stattfindet, wenn in Gruppen Gestaltungen gezeigt werden, oder wenn die Teilnehmer sich bei der Improvisation gegenseitig zusehen. Das Sehen und Gesehen-Werden auf einer körperlichen Ebene weckt Scham und Ängste, die durch die Behandlung korrigiert werden können (z.B. bei Zwang und Schizoide Störungen, Polymorbide PTSD). Wiederum andere Patienten können ihre Symptomatik gestalten und überwinden (Narzisstische-, Histrionische Störungen). Für manche Patienten ist die Hürde jedoch zu groß und bewirkt eine Kontraindikation.
Sozialisierung vs. Individualisierung
Mit diesem Kriterium wird die interpersönliche Wirkung der künstlerischen Verfahren bei der Ausübung in der Gruppe verglichen. Demnach kann für die Indikationsstellung geprüft werden, ob Kontakt oder Abgrenzung, ob Stabilisierung oder Mobilisierung der Nähe-Distanzregulation Ziel der Behandlung ist.
In der Gestaltungstherapie ist die Nähe-Distanzregulierung in dem Sinne leichter, als das sie mit passiven Mitteln (nicht hinschauen, nicht zeigen) zu erreichen ist, ohne Verzicht auf das eigene Gestalten mit dem Medium. In der Musik- und Tanztherapie wirkt der Ausdruck von Mitpatienten unmittelbar auf den Patienten ein und erfordert aktive Mittel des Schutzes und der Abgrenzung, um die optimale Entfernung herzustellen (gegen andere "anspielen", sich weg bewegen, wenn jemand zu nahe kommt). Der Patient kann den Zugriff anderer auf seine Äußerungen zum Teil nur dadurch verhindern, dass er selbst darauf verzichtet, bzw. massive Einschränkungen in Kauf nimmt (Stille, Haltung als einzige Ausdrucksmittel).
Im Umkehrschluss ist die Herstellung von Kontakt in diesen Verfahren leichter, bzw. durch passives Zulassen der Kontakte anderer möglich.
Im individuellen Fall können die einzelnen Verfahren so modifiziert werden, dass sie allen Bedürfnissen des Patienten gerecht werden. Dennoch bleiben Tendenzen der Sozialisierung / Individualisierung wie in der Tabelle aufgeführt. Mit diese Tendenzen muss sich der Patient immer wieder auseinandersetzen und daher sollten sie bei der Indikationsstellung berücksichtigt werden.
Ausdruck und Affektregulation
Wie erkennt der Patient beim künstlerischem Tun "Das, was ich gestalte, bin ich!"? Für manche Patienten muss der Ausdruck sehr unmittelbar und die Kontrolle herabgesetzt werden, damit sie ihre abgewehrten Selbstanteile zulassen und zu sich finden können. Für andere Patienten sind Kontrollierbarkeit und Distanzierung notwendig, damit bedrohliche Selbstanteile wahrgenommen und verarbeitet werden können.
Bezüglich der Affektregulation sind Musik- und Tanztherapie besonders dazu geeignet, die Affekte zu spüren, zu steigern und zum Ausdruck zu bringen. Gestaltungstherapie fördert besonders den Ausdruck, das Abklingen und die Verarbeitung und Integration der Affekte. (vgl. Schrauth und Geuter, 2001)
"Containing" und Dokumentation:
"Containing" kommt aus dem englischen und bedeutet "enthalten, umfassen, einschließen, aufnehmen, Raum haben für", aber auch "zügeln, im Zaum halten, bändigen". Die Tabelle beschreibt die Mittel der einzelnen Künste, durch die Affekte und anderes psychisches Material aufgenommen und begrenzt werden, um eine zerstörerische Wirkung derselben zu verhindern. Dieses "containing" entspricht den Funktionen der primären Bezugspersonen in der kindlichen Entwicklung als Reizschranke und Regulierungsinstanz bei psychischen Spannungen. Über das Medium und/oder die Therapeutin lernt der Patient die Regulation selbst zu beherrschen.
Dokumentation betrifft die Verwendbarkeit der Produkte künstlerischer Therapien, zum Teil über den therapeutischen Rahmens hinaus. Zum einen kann ein Werk für den Patienten als Übergangsobjekt dienen: ein Souvenir an stärkenden Erfahrungen der eigenen Person als Teil konstruktiver Beziehungen. Um diese Erfahrungen außerhalb der unmittelbaren therapeutischen Setting reproduzieren zu können, kann ein Werk helfen, die Erinnerung an die eigenen Möglichkeiten wach zu halten.
Hier hat es die Tanztherapie schwerer als die anderen Künste, denn nur eine starke emotionale Betroffenheit oder disziplinierte Wiederholung vermögen eine bedeutsame Bewegung über Jahre ins Gedächtnis einzuprägen. Häufig greifen Patienten zu anderen Medien, wie die Begleitmusik oder ein Vorstellungsbild, um Bewegungserfahrungen fest zu halten.
Zweitens betrifft Dokumentation die Nutzbarkeit von Serien von Werken eines Patienten als Zeugnis seiner Entwicklung während der Behandlung. Dieses Zeugnis hilft dem Patienten, seine Fortschritte anzuerkennen und motiviert ihn zu weiteren Schritten. Für den Therapeuten ermöglicht eine solche Werk-Serie die Falldokumentation ohne Übersetzungsleistung in verbale Beschreibungen, die zwangsläufig unvollständig bleiben. Diese künstlerische Falldokumentation findet Verwendung in Forschung und Lehre, sowie bei der Mitarbeit in multidisziplinären Teams.
Berufspolitischer Exkurs zum Thema Dokumentation:
Dokumentation betriff auch die Eignung der Patientenwerke als anschaulicher Beweis der Wirkung der Methode der künstlerischen Therapie. Meiner Erfahrung in Fachteams und auf Psychotherapie Kongresse nach, ist die Gestaltungstherapie am leichtesten für andere Berufsgruppen zugänglich. Eine langjährige Verbreitung der künstlerischen Dokumente der Gestaltungstherapie, vor allem über die Druckmedien, hat eine gewisse Wahrnehmungskompetenz der Allgemeinheit geschaffen. Die Möglichkeit, Prozesse selbst nachzuvollziehen und zu überprüfen, beziehungsweise ergänzende Deutungen geben zu können, vermittelt Vorgesetzte und Kollegen Bestätigung, statt sie zu verunsichern. Bildende Kunstwerke können zudem schnell und ohne weitere Hilfsmittel zugänglich gemacht werden.
Bei der Musik wird ein Abspielgeräte benötigt und das Stück nimmt beim Hören im Fachkreis den gleichen Zeitumfang in Anspruch, als es in der Therapie bei der Aufnahme erforderte. Infolge dessen ist, im Gegensatz zu der Gestaltungstherapie, der/die Musiktherapeut/in meist gezwungen sich auf der Darstellung wesentlich kleinere Ausschnitte des Prozesses zu beschränken. Entsprechend größer ist die Gefahr den Prozess durch Kürzungen zu verfälschen. Da Musik nicht direkt über Druckmedien vermittelbar ist (die Überlieferung in Notenschrift ist kaum vergleichbar mit einem Bild in seiner Direktheit) sind Fachkollegen weniger geübt im Nachvollzug und in der Deutung musikalischer Werke von Patienten. Sie fühlen sich entsprechend weniger bestätigt und sicher und reagieren meist zurückhaltender als bei Werken mit bildnerischen Mitteln. Da sie nicht so leicht selbst beurteilen können, welche Erkenntnisse die Musik über den Prozess des Patienten vermittelt, ist die Skepsis über die Wirksamkeit der Musik größer als bei der bildende Kunst.
Der Tanz ist besonders herausgefordert, weil die objektive Dokumentation nur mit einer Videokamera gemacht werden kann. Die Videoaufnahme erfordert teuere und selten vorhandene Geräte. Die räumlichen Gegebenheiten eines klinischen Settings lassen selten eine vollständige Erfassung der Bewegung, zum Beispiel bei Fort- oder Gruppenbewegung, durch die Kamera zu. Die Demonstration von Bewegungen durch den/die Therapeut/in hat einige unvorteilhafte Nebenwirkungen: Es besteht die Gefahr der Interpretation statt der phänomenologischen Wiedergabe der Bewegung des Patienten. Die Exponierung der Person der Therapeutin bei der Demonstration lenkt von dem Fall, der zur Diskussion steht, ab.
Wenngleich eine gewisse Wahrnehmungskompetenz bei gröberen Formen der Körpersprache besteht, sind die wenigsten Fachkollegen mit der Bewegungsanalyse subtileren Signalen vertraut. Verbindet die Therapeutin die Kriterien der Bewegungsanalyse mit etablierten Deutungssystemen wie die der Tiefenpsychologie, ist die Akzeptanz einer Falldarstellung merklich größer. Leider kann der Nebeneffekt eintreten, dass die Kollegen sich selbst beobachten und sich bedroht fühlen. Denn, im Gegensatz zur Musik oder dem bildnerischen Gestalten, geben sie selbst unaufhörlich und unausweichlich Signale der Körperhaltung und -bewegung von sich. Daher ist eine deutliche Diskretion in Bezug auf die Signale der Anwesenden kombiniert mit einer transparenten Teilung seines Wissens über den Fall ratsam.
Nach diesen, den Unterschieden betonenden Gedanken, soll das Gemeinsame nun in den Vordergrund gerückt werden.
Die Kunst als Wirkfaktor
Gemeinsam mit anderen künstlerischen Therapien hat die Tanztherapie die Kunst als Basis ihrer Theoriebildung und Methodik. Die therapeutische Wirkung des künstlerischen Schaffens welche ich im klinischen Alltag am meisten schätze ist:
Machen gegen Ohnmacht
James Hillman postuliert, eine psychische Krankheit äußert sich in An-ästhesie: Die Unfähigkeit eine bestimmte Form der Bewegtheit zu spüren, sich zu bewegen oder sich bewegen zu lassen. Es ist eine verkörperte Ohnmachterfahrung, die ihrerseits Ohnmacht erzeugt. Hillmann sieht in dem ästhetischen Empfinden den Schlüssel zum seelischen Empfinden, und somit zur Heilung.
Das künstlerische Tun ist eine ästhetische Antwort auf ein Erlebnis. Das Schweigen, die Lähmung, die Taubheit wird durchbrochen:
- Im Antworten überwinde ich meine Ohnmacht
- Im Antworten lasse ich mich wieder auf die Umwelt ein (in Form von oder durch Medien)
- Im Antworten bemächtige ich mich meiner Möglichkeiten
- Im Antworten erkenne ich meine Grenzen
- Im Antworten trage ich Ver-antwort-ung
Dieses Konzept impliziert eine spezifische Definition von Ästhetik oder Schönheit:
Es ist das, was in Bewegtheit gestaltet wurde und im Betrachter eine Resonanz, in Form einer eigener Bewegtheit, zu erzeugen vermag.
Im Licht dieser Definition muss Virtuosität kritisch reflektiert werden. Nicht zufällig waren Reform und Rebellionsbewegungen in der Kunstgeschichte die Brutstätten für therapeutisch nutzbare Kunstbegriffe und Gestaltungsmethoden.
Beiträge der Tanzkunst zur Tanztherapie
Um die Jahrhundertwende revolutionierte das Konzept des "inneren Tanzes" die Tanzkunst. Es war die Wiederentdeckung der Verbundenheit von Leib und Seele im Tanz, das in älteren Kulturen selbstverständlich war. Virtuosität um ihrer Selbst willen genügte nicht mehr dem Anspruch der Kunst, sondern war Mittel zum Zweck der Entäußerung des inneren Erlebens.
Die Schlagwörter wesentliche Vorreiter/innen und Pionierinnen der Tanztherapie spiegeln diese Transformation des Tanzes wider:
Isadora Duncan: |
Tanz ist die Gestaltung der Bewegtheit. |
Rudolf von Laban: |
Bewegungserziehung ist die Integration der Körper-Geist-Seele Einheit. Bewegungserziehung ist die Erschließung des Lebensbewältigungs-Potentials. |
Mary Wigman: |
Tanz ist die Synthese aus Extase und Form. |
Marian Chace: |
Tanz ist Kommunikation, und erfüllt damit ein basales, menschliches Bedürfnis. |
Trudi Schoop: |
Wenn ich meine Angst gestalten kann, dann habe ich die Angst und nicht sie mich. |
Mary Whitehouse: |
Die Hingabe an das Unbewusste in der Improvisation ermöglicht die Erfahrung des Bewegtseins, im Unterschied zum Sich-Bewegen. |
Der künstlerische Prozess als Erkenntnisprozess
Bisher wurden die motorischen und die emotionalen Auswirkungen der Kunst angesprochen. Die kognitive Wandlung des Patienten ist genauso entscheidend für die dauerhafte Bewältigung von Lebenskrisen und Erkrankungen. Betrachten wir nun, wie die Kunst zu dieser kognitiven Transformation beitragen kann.
In der Antike differenzierte Aristoteles drei Formen der Erkenntnisgewinnung,:
Poiesis = Gestaltung |
Wissen durch machen |
(erstmalig schöpfen) |
ergibt => Schönheit |
Praxis = Praxis |
Wissen durch tun |
(wiederholen) |
ergibt => Ethik/Güte |
Theoria = Theorie |
Wissen durch sehen, sprechen und denken |
(distanzieren) |
ergibt => Wahrheit |
Aristotele hielt die Theoria für die wertvollste und überlegenste Form. Seine Hierarchie wird heute in Frage gestellt. Neuere Trauma-, und Säuglingsforschung, sowie Forschung in der Biochemie, der Onkologie und der Neurophysiologie geben Anhaltspunkte dafür, dass die Engramme körperlicher und visueller Erfahrungen getrennt von Erfahrungen gespeichert bzw. aktiviert werden können, die an sprachliche Symbole gebunden sind. Die Verarbeitungsmodi sind demnach nicht als Reifungshierarchie, sondern als ein aditives System für die optimale Lebensbewältigung zu bewerten.
Allen künstlerischen Therapien gemeinsam ist die Wirkung des künstlerischen Prozesses als Erkenntnisprozess, in der alle drei Formen der Erkenntnisgewinnung, Poiesis, Praxis und Theoria, zum tragen kommen.
Der tanzkünstlerische Prozess besitzt eine eigene, idealtypische Gliederung:
Training: |
bedeutet, Meisterschaft über die gestalterische Materialien (Körper, Raum, Gewicht, Zeit, Requisiten, Kostüme, Bühnenbilder, Licht, Musik usw.) erlangen. |
Improvisation: |
ist die Hingabe an, und somit die Erforschung des Inhalts das nach Ausdruck drängt; die zufällige oder unzensierte Entdeckung von Information/Erkenntnisse durch den spontanen Umgang mit den Materialien. |
Komposition: |
wird geleitet vom Prinzip "Die Form folgt der Funktion." Die Auseinandersetzung mit der Passung zwischen den Materialien und die Botschaft welche sie transportieren möchten, bewirkt ein weiteres Verständnis des Inhaltes. |
Einstudierung: |
erfordert den Transfer und die Adaption des Konzeptes des Werkes auf eine erweiterte soziale und physikalische Realität (Tänzer, Bühne, Licht etc.). Es ist die erste Auseinandersetzung mit der Resonanz der Umwelt auf das noch unfertige Werk. |
Aufführung: |
beinhaltet die Konfrontation eines Publikums mit dem fertigen Werk, und die Konfrontation des Choreographen mit der Resonanz des Publikums auf sein Werk. Häufig ist die Aufführung an sich bereits ein Transformationsprozess, da die Bedingung der Anwesenheit des Publikums starken Einfluss auf die Interpretation der Tänzer haben kann. |
Reflexion: |
ist die Verarbeitung der Gesamterfahrung, insbesondere die der Aufführung. Dieser Prozess kann durch analytische Mittel wie Nachdenken, Diskussion oder Schreiben, oder durch künstlerische Mittel wie dichten, malen, musizieren oder erneut choreographieren bewerkstelligt werden. |
Die Reihenfolge, in der die einzelnen Phasen in Erscheinung treten kann in der Praxis variieren. Meist erfolgen mehrere wellenartige Wiederholungen des Ablaufes der Phasen vor der Vollendung des Prozesses.
Weitere Wirkfaktoren der Tanztherapie
Bisher wurden die Überwindung von Ohnmacht (englisch: "empowerment") und die Verwendung des künstlerischen Prozesses zur Erkenntnisgewinnung vorgestellt.
Einige der folgenden Wirkfaktoren sind sicherlich auch für andere Kunstformen in der therapeutischen Anwendung zutreffend. Andere machen nur in Bezug auf die Tanztherapie Sinn. Ein Austausch unter künstlerischen Therapeuten könnte eine solche Differenzierung in Zukunft klären.
- Die emotional engagierte, mit mehreren Sinnen spürbare Bewegungsinteraktion mit der Therapeutin ist der Hauptwirkfaktor, begründet durch
- Säuglingsforschung (interaktive Formung der Persönlichkeit im Säuglingsalter)
- Hirnforschung (von der Sprache getrennte Speicherung von Körper- und Bewegungserinnerung)
- Affektforschung (korrigierende emotionale Erfahrung, Projektive- Identifikation und "social referencing")
- Bindungsforschung (sichere Bindung als Bedingung für Selbstentfaltung)
- Körper und Psyche stehen in ständiger, reziproker Interaktion miteinander. Bewegung kann daher zur Dekodierung (Diagnostik) und zur Enkodierung (Intervention) von psychischen Informationen und Strukturen dienen.
- Kreative Prozesse wirken heilsam weil:
- die Neu-Schaffung von Bewegung für die Person den Erwerb fehlender oder die Erweiterung begrenzter Formen des "In-der Welt-Seins" beinhaltet.
- die Fähigkeit zur Kreativität die Fähigkeit zur Lebensbewältigung durch eine Balance zwischen Flexibilität/Anpassung und Einflussnahme entspricht.
- die Gestaltung in zweckfreier Zeit = Freizeitgestaltung (Englisch "recreation") die Wiederherstellung der Ganzheit der Person bewirkt, durch die Integration abgespaltener Selbstanteile.
- die Physikalische und Ästhetische Gesetzmäßigkeiten tragfähige Modelle für die Lebensgestaltung liefern.
- die Gestaltung von Werken oder die ästhetische Improvisation dient der Entlastung von negativen Affekten und Eigenschaften, der Erhaltung von positiven Affekten und Eigenschaften, und zur Entwicklung von Impulskontrolle.
- Ressourcenaktivierung als grundlegender Ansatz der Intervention schafft die Vorraussetzungen für die Bewältigung von Konflikten oder Defiziten, zum einen auf der Ebene der konkreten Handlungskompetenzen, zum anderen auf der Ebene des Selbstbildes des Patienten (primär autonom und kompetent).
- Probehandlungen bahnen den Transfer therapeutischer Erfahrungen in den Realraum des Klienten an.
- Mit mehreren Sinnen spürbare Gemeinschaftserlebnisse in rhythmischer Bewegung vermitteln
- Existenzberechtigung
- Liebenswürdigkeit => Selbstwert
- Zugehörigkeit => Identität
- Soziale Kompetenzen (zwischen Anpassung und Selbstbehauptung).
- Die Körperliche Präsenz, Haltung und Bewegung des Menschen üben einen erheblichen Einfluß auf die Umwelt aus. Soziale Rückkopplung korrigiert die Selbstwahrnehmung, fördert Modifikationsprozesse und steigert damit die Akzeptanz und Attraktivität, was wiederum das Selbstwertgefühl verbessert.
- Die Reaktivierung der Bewegung dient als Mittel zur alltäglichen Regulation von psychomotorischen Spannungen, Impulse, Affekte usw. (Chodorow (1994): "Durch Ausdruck und Transformation wird das Gleichgewicht der Persönlichkeit wieder hergestellt").
- Die Reaktivierung der Körperwahrnehmung dient als Mittel der Gesundheitsfürsorge.
- Nicht-sprachliche-, also Körpererlebnissen sind keine Phänomene des frühen Jugendalters allein, sondern begleiten das ganze Leben. Die Möglichkeit körperlicher Erfahrungen sprachlich zu erfassen und zu beeinflussen ist begrenzt. Daher ist ein Adressieren von nicht-sprachlichen Erlebnissen mit nicht-sprachlichen Mitteln notwendig und wirksam. Hierzu zitiere ich gern U. Streeck (1999) der über Beziehungserfahrungen bei Traumata und frühen Störungen sagt, " . . . Sie müssen erst aktiviert und handelnd in der äußeren Realität ausgeführt werden und können erst in einem zweiten Schritt sprachlich-symbolisch ausgedrückt werden, nachdem sie in der äußeren Realität und als äußere Realität interaktiv in Szene gesetzt wurden."
- Die verbale Ansprache und die Besprechung der nicht-sprachlichen Zeichen des Klienten dienen der Integration der verschiedenen Hirnareale und den dazu gehörigen Erlebnisweisen.
- Bei Traumatisierte oder psychotische Patienten wirkt die Stimulation der Sinne durch künstlerisch Medien entlastend, weil damit der Realitätsbezug gefestigt und die Überflutung mit Erinnerungen oder Halluzinationen entgegen gewirkt wird.
- Bewegung beeinflusst unmittelbar die Körperfunktionen. Der Klient spürt seine Möglichkeit sich zu verändern bzw. verändert zu werden. Dies macht sowohl den Reiz wie auch die Bedrohlichkeit des Ansatzes aus.
Ein letzter Wirkfaktor, die Berührung, möchte ich eingehender diskutieren.
Die Körperliche Berührung und der Abstinenzbegriff in der Tanztherapie
Mehr als in anderen künstlerischen Therapieformen findet in der Tanztherapie der Einsatz körperlicher Berührung statt. Außerdem ist das Hauptmedium der Gestaltung der therapeutischen Beziehung die Bewegungsinteraktion auf dem strukturellen Niveau des Patienten. Daher ist eine starke Auseinandersetzung mit der Frage der therapeutischen Abstinenz in der tanztherapeutischen Methode zu verzeichnen. Abstinenz als therapeutische Technik hat ihren Ursprung in der Psychoanalyse und beinhaltet zwei Aspekte:
". . . einmal soll sich der Analytiker enthalten, eigene Triebbedürfnisse in der Beziehung zum Patienten zu befriedigen, . . . zum anderen soll er den Patienten ermahnen, auf Triebbefriedigung in der Übertragung zu verzichten, und insbesondere soll er auf geheime Triebbefriedigung des Patienten während der Behandlungsstunde achten und sie unterbinden."
J. Cremerius (1984)
Das herkömmliche Abstinenzkonzept beruhte auf dem Glauben an Verzicht als Motor der Entwicklung. Ein wesentlicher Bestandteil der Technik war das Verbot körperlicher Berührung in der Psychotherapie.
Tanztherapeutinnen werden häufig des Mit-Agierens von tiefenpsychologisch oder psychoanalytisch ausgebildeten Psychotherapeuten bezichtigt, wenn sie sich mit Patienten bewegen oder sie berühren. Agieren bezeichnet das aktive Ausleben verdrängter infantiler Gefühle und Wünsche und dadurch die Vermeidung der Bewusstwerdung, Verbalisierung und Durcharbeitung der damit verbunden Konflikte. Diese Kollegen und Vorgesetzten übersehen, dass das Handlungs- und Berührungsverbot der frühen Abstinenzkonzepte in Reaktion zu den sexuellen Übergriffen in der Behandlung von weiblichen, histrionisch erkrankten Patientinnen durch männliche Analytiker entstanden ist. Freud erkannte später selbst, dass die Abstinenz als Technik bei der Behandlung von anderen Krankheitsbildern, z.B. der Zwangserkrankung, eine gegenteilige Wirkung der Befriedigung (Mit-Agieren) von infantilen Bedürfnissen/Erwartungen oder der Abwehr dienten. Therapeuten jeder Schule agieren zuweilen mit ihren Patienten, aber dieses ist nicht an der Berührung allein fest zu machen.
Angelehnt an den Konzepten von Thea Bauriedl und Giesela Worm möchte ich folgende Eigenschaften einer der Tanztherapie angemessenen Abstinenzbegriff festhalten:
- Abstinenz betrifft die Intention, die Bedeutung oder die Wirkung jeder Handlung im Kontext der aktuellen TherapeutIn - PatientIn Beziehung und keine einzelne Handlung (wie die Berührung) an sich.
- Abstinenz beruht auf ein Verstehen der Beziehungssituation des Patienten, das heißt, der Einfluss vergangener Beziehungserfahrungen auf die aktuelle Beziehungsgestaltung mit der Therapeutin und die dadurch angebahnte Entwicklung dieser Beziehung.
- Es betrifft die Unterlassung von Impulsen, seien diese verbaler, körperlicher oder sonst welcher Art, welche zu
- Retraumatisierung
- pathologischer Regression
- Zementierung von pathologischen Beziehungsmuster
- Missbrauch des Patienten zur Befriedigung des Therapeuten
führen würden.
- Abstinenz ist ein dynamisches Phänomen, das sich mit der fortschreitenden Entwicklung des Patienten Schritt halten muss, um seine Wirkung zu entfalten. Ein Verhalten das gestern abstinent war, kann heute die PatientIn in ihrer Entwicklung hemmen.
- Abstinenz nach diesem Modell beruht weniger auf das Konzept des Verzichtes auf überkommene Lösungen für psychische Konflikte, sondern auf das Konzept der Konfrontation mit herausfordernden Entwicklungsaufgaben, die zwangsläufig neue Lösungsstrategien fördern.
Die amerikanische Tanztherapeutin Christine Caldwell differenziert bewusste, förderliche und unbewusste, abträgliche Intentionen der therapeutischen Berührung:
Unterstützung |
vs. |
Sedierung |
Nähren |
vs. |
Co-Abhängigkeit |
Herausforderung |
vs. |
Gewalt |
Reflexion |
vs. |
Achtlosigkeit |
Raum geben |
vs. |
Verlassen |
Im folgenden möchte ich die Bedeutung der von Caldwell differenzierten Berührungsintentionen erläutern. (vgl. Caldwell, 1997)
Unterstützung:
Mit Unterstützung sind Berührungsqualitäten gemeint, die die jeweilige Bewegungserfahrung des Patienten einen physischen Rückhalt bieten, in einer Situation, in der der Patient objektiv nicht in der Lage ist, eine Bewegung selbständig auszuführen. Diese Unfähigkeit kann in psychischen Hemmungen oder physikalischen Grenzen begründet sein. Die Unterstützung vermittelt die soziale Erfahrung einer freundlich gestimmten und fürsorglichen Umwelt und vermittelt Vertrauen in andere, das die Basis für Selbstvertrauen bildet.
Sedierung:
Sedierung resultiert aus ungelösten Konflikten des Therapeuten bezüglich Unterstützung. Sie beinhaltet ein Therapeutenverhalten, das dem Patienten die Verantwortung für seine Bewegung abnimmt, wo er in der Lage wäre, dies selbst zu tragen, oder ihn von seinen Intentionen ablenkt, hin zu der Intention des Therapeuten. Es manifestiert sich meist in einer verfrühten Berührung durch den Therapeuten. Sedierung vermittelt dem Patienten Entmachtung und Entwertung: er ist nicht in der Lage alleine zurecht zu kommen, bzw. es gibt eine bessere Alternative zu seinen Impulsen.
Nähren:
Nährende Berührungen vermitteln dem Patienten, dass er angenommen und geliebt wird, so wie er ist, meist durch umarmen oder halten. Sie können Berührungen des Trostes oder des Schutzes umfassen, und finden erst statt, nachdem der Patient sich ausgiebig in Bewegung ausgedrückt hat. Der Patient kann die Erfahrung machen, willkommen zu sein mit seinem Wesen, auch wenn dies nicht seiner ursprünglichen Lebenserfahrung entspricht.
Co-Abhängigkeit:
Die Unsicherheit des Therapeuten, ob er akzeptiert wird, oder ein Mangel an eigener Versorgung verleitet zu co-abhängigen Berührungen. Diese äußern sich in ein ungefragtes Bemühen um den Patienten, das seine eigene Bewegungsessenz ersticken lässt. Der Patient wird verführt, den so ausgedrückten Erwartungen des Therapeuten zu entsprechen, um ihn zu bestätigen.
In seinem Bemühen um Anerkennung ist der co-abhängige Therapeut von seiner Phantasie der Erwartungen des Patienten geleitet. Diese Phantasien sind jedoch nicht in der aktuellen Beziehung begründet, sondern betreffen früheren, bedürftigen Bezugspersonen des Therapeuten.
Herausforderung:
Die herausfordernde Berührung bietet dem Patienten einen Widerstand, an dem er sich abdrücken und weiterentwickeln kann. Dieser Kontakt zeigt dem Patienten, dass er "auszuhalten", "zu ertragen" ist, und wirkt intensivierend auf die Bewegung des Patienten. Sie kann auch das handgreiflich-schützende "Nein" gegen destruktive Impulse des Patienten beinhalten. Im Standhalten des Therapeuten wird eine soziale Erfahrung der Verantwortlichkeit und Zuverlässigkeit erlebbar.
Gewalt:
In Fällen, wo die eigenen Anliegen um das Herausgefordert-Werden ungeklärt sind, wird ein Therapeut unbewusst aggressiv seine Patienten berühren und beide somit re-traumatisieren. Um seine Dominanz, Macht, und Autorität durchzusetzen, bedient sich der Therapeut subtiler Formen der Kontrolle die zunächst nicht unbedingt als Gewalt zu erkennen sind, wie z.B. der sanfte Schubs hinein in eine beängstigende Fallübung.
Reflektieren:
Das Reflektieren ermöglicht dem Patienten zu erfahren, das er gesehen wird und wie er auf andere wirkt, indem ihm die gleiche Qualität zurückgespiegelt wird, mit der er anderen begegnet. Es erfüllt das grundlegende Bedürfnis wahrgenommen und erkannt zu werden. Darauf kann der Patient sich selbst entweder bestätigt fühlen, oder sich korrigieren, wenn er merkt, dass er mit seinem Verhalten die Befriedigung seiner sozialen Bedürfnisse gefährdet. Diese Intervention erfordert eine verbale oder nonverbale Vermittlung der Tatsache, dass die Berührungsqualität ursprünglich vom Patienten initiiert wurde.
Achtlosigkeit:
Achtlosigkeit beim Therapeuten resultiert aus einem Mangel an eigener Spiegelung. Ihm fehlt ein Gespür für das eigene Tun bzw. für dessen Wirkung auf andere. Das unüberlegte, sinnlose Tätscheln des Patienten vermittelt ihm das Gefühl, ein lebloser oder zumindest frei verfügbarer Gegenstand zu sein. Für den Therapeuten ist es eine Möglichkeit Isolation und Leere zu Überbrücken, ohne eine (bedrohliche und mit Konsequenzen behaftete) Beziehung eingehen zu müssen.
Raum geben:
Die bewusste Enthaltung der Berührung kann sehr rührend und auch beziehungsstiftend wirken, wenn es Zutrauen, Autonomie, Getrenntheit und Differenziertheit vermittelt. Daher nennt Caldwell die aktive Intervention der Enthaltung "Raum geben", um die konstruktive und fördernde Intention zu verdeutlichen. Interessanterweise ist diese Intervention besonders bedeutsam für histrionische Patienten: nicht der Verzicht auf die Bestätigung in seiner Geschlechterrolle durch die Verführung des Therapeuten ist das entscheidende, sondern die Förderung einer eigenen Identität, die unabhängig vom Bezeugenden eine Gültigkeit hat. (vgl. Benjamin)
Verlassen:
Als die Re-Inszenierung eigener Verlassenheitserfahrung ist das Versäumnis, dann zu berühren wenn es von Nöten wäre, zu verstehen. Im Gegensatz zum Raumgeben, das einer zuversichtlichen Haltung entspringt, beruht das Verlassen auf der Überzeugung, dass das Ertragen von Schmerz und Isolation einen Schutz vor Enttäuschung bietet. Daher bewirkt Verlassen Rückzug statt Beziehungsfähigkeit.
Die vorangegangene Aufstellung soll dazu beitragen, Berührung bewusster in die therapeutische Beziehung einzusetzen. Das Thematisieren der Berührung in der Therapie vermag wesentlich besser zu einem wirksamen und nach ethischen Maßstäben geschützten Prozess führen, als ein Berührungsverbot. Denn, wie das Sprichwort sagt, "Das Unheil gedeiht am besten dort, wo ein Tabu davor steht."
Zuletzt möchte ich an dieser Stelle die Ziele der Tanztherapie im Überblick darstellen und verweise auf einen längeren Artikel zu diesem Thema (Lausberg und Eberhard, 1999)
Ziele in der Tanztherapie
Allgemeines Ziel:
Integration der psychischen, physischen und kognitiven Prozessen der Person
Spezielle Ziele:
- Förderung des Körpergewahrseins und Entwicklung eines realistischen und positiv erlebten Körperbildes als Grundlage eines adäquaten Selbst- und Umweltgewahrseins
- Erweiterung des Bewegungsrepertoires im Sinne der nachreifenden Ich-Entwicklung (Impliziert die Erweiterung des körperlich-, geistig-, emotionalen Spielraumes)
- Förderung des authentischen und selbstbestimmten Ausdrucks durch die Integration des Unbewussten
- Bearbeitung von intrapsychischen Konflikten und strukturellen Defiziten durch die Mobilisierung von Ressourcen
- Bearbeitung von emotionalen Erlebnisinhalten innerhalb eines strukturierten Rahmens. Entwicklung von Kompetenzen im Umgang mit Affekten wie Wahrnehmung, Ausdruck, Regulierung und Reflexion/Integration.
- Erwerb neuer Möglichkeiten der Beziehungsgestaltung
- Befähigung zu adaptiver Bewegung, welche die Verwirklichung individueller Bedürfnisse mit sozialer Kompetenz ermöglicht
Mit diesen Ausführungen möchte ich die Diskussion um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den künstlerischen Therapieformen weiter anregen.
Auf diesem Weg können die einzelne Verfahren sich weiter differenzieren und doch eine gemeinsame Lobby bilden, mit der sich eine breite Gruppe identifizieren kann. Die berufspolitische Zukunft zeichnet die Notwendigkeit der Bildung einer gemeinsamen Lobby zur Vertretung der Interessen künstlerischer Therapeuten. Denn nur wenn unsere Zahl und unsere Überzeugung stark genug sind, wird unsere Stimme gehört.
Literatur:
Benjamin, Jessica (1990):
Die Fesseln der Liebe: Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht. Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt.
Caldwell, Christine (1999):
Getting in Touch. Quest Books, Wheaton, Illinois.
Chodorow, Joan (1994):
Body, Psyche and the Emotions. In: The Language of Movement. Keynote Adresses of the First Clinical Conference in Berlin on Dance/Movement Therapy at the Nervenklinik Spandau.
Cremerius, Johannes (1984):
Die psychoanalytische Abstinenzregel. Psyche, 9/84, S.770.
Eberhard, Marianne (1999):
Tanz- und Ausdruckstherapie in: H.H. Studt und E.R. Petzold, Hrsg., Psychotherapeutische Medizin: Psychoanalyse - Psychosomatik - Psychotherapie; ein Leitfaden für Klinik und Praxis. de Gruyter, Berlin.
Geuter, Ulfried, und Schrauth, Norbert (2001):
Emotionen und Emotionsabwehr als Körperprozess. Psychotherapie Forum 2001 9:4-19, Springer, Wien.
Knill, Paolo (1992):
Ausdruckstherapie. Eres Edition, Lilienthal/Bremen.
Lausberg, H., Eberhard, M. (1999):
Therapieziele in der Tanztherapie in: Ambühl, H., Strauß,B.: Therapieziele. Hogrefe, Göttingen.
Levy, F.J. (1988):
Dance/Movement Therapy- A Healing Art. The American Alliance for Health, Physical Education, Recreation and Dance, Reston, Virginia.
Peter-Bolaender, Martina (1992):
Tanz und Imagination: Verwirklichung des Selbst im künstlerischen und pädagogisch-therapeutischen Prozeß. Junfermann, Paderborn.
Stanton-Jones, Kristina (1992):
An Introduction to Dance/Movement Therapy in Psychiatry. Tavistock/Routledge, London.
Streeck, Ulrich (1998):
Persönlichkeitsstörungen und Interaktion: Zur stationären Psychotherapie von Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen. Psychotherapeut 3/98, Springer.
Ein Vortrag von Marianne Eberhard-Kaechele, Wissenschaftliche Leiterin des Langen Instituts
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