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Das Deutsche Bildungssystem vor dem Abgrund?
Privatschulen bieten neue Ansätze - Petra Witt im Gespräch

Kultur-Kanal Ausgabe 05/2005

Privatschulen bieten neue Ansätze - Petra Witt im Gespräch Lieblos eingerichtete und heruntergekommene Klassenzimmer, ständige Unterrichtsausfälle, genervte und wenig motivierte Lehrer, schlechte Schülerleistungen und dann noch der PISA-Schock - steht unser staatliches Schul- und Bildungssystem vor dem Abgrund? Was ist Bildung in dieser Gesellschaft überhaupt noch wert? Nicht zuletzt der gewaltige Run auf Privatschulen macht deutlich, dass eine vollkommene Umstrukturierung des bisherigen Schul- und Bildungssystems unabdingbar ist.

Abgehoben ist sie nicht, aber konsequent, intuitiv, einfühlsam und bereit, das Leben und seine Herausforderungen ständig neu zu entdecken. Sie gehört nicht zu der Art von Visionärinnen, die mit ihren Zukunftsplänen angeben, aber nicht den Mut haben, das als richtig Erkannte umzusetzen. Petra Witt, seit 1993 Gründerin und Geschäftsführerin des Präha Bildungszentrums in Horrem mit Berufsbildenden Schulen im Gesundheitswesen in Prävention und Rehabilitation, ist durch eine harte Schule gegangen. Sie hat das Privatschulwesen samt seiner kaufmännischen und finanztechnischen Seite von der Pike auf gelernt. Ihre Affinität zum Bildungsbereich hat die engagierte Unternehmerin nach eigenen Angaben bereits mit der Muttermilch aufgesogen, denn ihre Mutter, Heidi Bosen, führte eine private Schule für Gymnastik und übernahm 1974 die Trägerschaft und Leitung der traditionsreichen und renommierten Anna Herrmann Schule.

Ihre Karriere verdankt Petra Witt aber nicht nur dem Sachverhalt, in eine Unternehmerfamilie geboren worden zu sein, sondern ihre Erfolge sind das Ergebnis eines intensiven und kontinuierlichen Lernprozesses. Nachdem der Vater, der in erster Linie die kaufmännische Seite der Privatschule regelte, früh verstarb, war die Unsicherheit groß. Mit dem Staatsexamen für Lehramt Sekundarstufe I in der Tasche, fragte sich Witt, wie es denn nun weitergehen solle. So entschied sich 1981 die engagierte junge Frau im Alter von 24 Jahren für ein Volontariat in der Verwaltung der elterlichen Anna Herrmann Schule und kombinierte dies mit einem Teilzeitjob in einem Unternehmen für Immobilien und Hausverwaltungen, wo sie die Grundlagen des Rechnungswesens erlernte. Ein langes und in erster Linie theoretisches betriebswirtschaftliches Studium stand für Witt nie zur Debatte. Schon früh erkannte sie, dass das staatliche Schulsystem auf Grund seiner starren und unflexiblen Ausrichtung auf die Theorie oft am eigentlichen Bedarf vorbei ausbildete. "Learning-by-Doing" heißt für Witt bis heute das Zauberwort. "Meine Universität ist das Leben, mir wurde nichts geschenkt, ich habe mich in die Geheimnisse des Privatschulwesens selber eingearbeitet." Selbst mit Marketing und PR, z. B. mit dem Präha Internet-Auftritt, setzte sie sich neben dem Beruf auseinander. Viel Freizeit blieb da nicht mehr.

Obwohl Witt nie die klassische Unternehmertochter war, die sich in das "gemachte Nest" setzen konnte oder wollte, profitierte sie gern von den Impulsen, die ihr die Mutter vermittelte: Gleichwohl ist kein Generationenwechsel ohne Probleme. Mitarbeiterführung und wirtschaftliche Leitung stellen heute neue und andere Anforderungen als in der Vergangenheit und verlangen zeitgemäße Führungskompetenzen. Die mittlerweile dreifache Mutter sträubte sich immer gegen das übertriebene Verwachsensein in feste Strukturen und der sich daraus ergebenden Unflexibilität, denn eine Privatschule muss stets schnell reagieren, um sich den Marktbegebenheiten anzupassen und damit konkurrenzfähig zu bleiben. "Wir brauchen mehr Unternehmerpersönlichkeiten! Wir brauchen mehr Menschen mit Visionen und eigener Philosophie" fordert Witt. Seit 2000 ist die Schulträgerin und Geschäftsführerin Vorstandsvorsitzende des nordrheinwestfälischen VDP (Bundesverband Deutscher Privatschulen) und seit 2004 Mitglied des VDP-Bundesvorstandes und Vorsitzende der VDP-Fachgruppe Schulen in Gesundheitswesen. Dies zeugt auch von ihrer kontinuierlichen bildungspolitischen Tätigkeit, deren Synergieeffekte für alle Beteiligten von großem Nutzen sind.

Beeindruckend erscheint auch deshalb der Berufsweg von Witt, weil er nicht etwa mit der Gründung und der Erweiterung des Präha Bildungszentrums an zusätzlichen Standorten endet, sondern weil sie heute auch internationale Kontakte und Konzepte in ihre Schulen einbringt - so mit den Niederlanden, Polen und den USA. Für die Unternehmerin ist das eigene Lernen ein lebenslanger Prozess, der nicht mit dem Zeugnis oder Staatsexamen beendet ist, sondern durch die Beschäftigung mit immer neuen Themen und Aufgabenstellungen ständig weiter entwickelt wird. Dies sind Grundlagen des Erfolgs und der Konkurrenzfähigkeit. Wissen ist Macht.

Interview zwischen dem Kultur-Kanal und Petra Witt als Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Deutscher Privatschulen (VDP).

 

Kultur-Kanal: Worin sehen Sie die heutigen Probleme des staatlichen Schulsystems?

Petra Witt: Im übertragenen Sinne betreibt man im staatlichen Schulsystem Hairstyling, aber es wird nicht geduscht. Hier existiert ein verknöchertes System unflexibler Staatsmentalität, das sich so sehr in seinen eigenen Vorschriften und Regelwerken verliert, dass viele Ansätze von Kreativität und Flexibilität bereits im Keim erstickt werden. Außerdem sehe ich es als problematisch an, dass man Lehrer auf Kinder loslässt, die über ungenügende soziale, pädagogische und berufspraktische Kompetenzen verfügen und während des Referendariats häufig "verbogen" werden. Eine Privatschule hat dagegen viel mehr Freiheiten, zu ihr passende kreative und gestaltungsfreudige Menschen einstellen zu können.

 

Kultur-Kanal: Sind Sie gerne Schulträgerin? Haben Sie Spaß an Ihrem Beruf?

Petra Witt: Ich habe diese Tätigkeit von Anfang an angestrebt, denn ich wollte etwas bewegen! Mich inspirierte schon immer die Vorgehensweise vor allem der nordischen Länder. Davon können wir hier in Deutschland noch einiges lernen. Dort können Schulen autonom festlegen, wer unterrichten darf. Es dürfen sogar Krankengymnasten ohne vorherige pädagogische Ausbildung unterrichten, sofern sie fachkompetent und pädagogisch begabt sind. Da in nordischen Ländern die Verwaltungsvorschriften auf ein Minimum beschränkt sind, haben die einzelnen Schulen einen sehr hohen Grad an Selbständigkeit.

 

Kultur-Kanal: Wie sieht es denn in den Privatschulen mit der Wirtschaftlichkeit in diesen nicht ganz einfachen konjunkturellen Zeiten aus?

Petra Witt: Unsere Privatschulen sind Wirtschaftsunternehmen und unterliegen somit den Marktbedingungen von Angebot und Nachfrage. Der Erfolg ist steuerbar, wenn es dem Schul-Unternehmen gelingt, sich mit Qualität und einem auf den Markt nachgefragten Angebot zu präsentieren. Daher gibt es bei uns auch z. B. so gut wie keinen Unterrichtsausfall. Unsere Privatschulen zeichnen sich häufig durch Gepflegtheit und eine angenehme, fast wohnliche Atmosphäre aus. Hier findet man in der Regel keine kahlen Betonwände. Die Wände sind mit hübschen Bildern geschmückt, schöne Pausenräume sind wichtig zur Erholung. Wir in der Präha verfügen z. B. über eine sehr schöne Cafeteria mit einer Sommerterrasse.

 

Kultur-Kanal: Wie hoch ist denn die Bereitschaft der Menschen, für Bildung zusätzlich zu bezahlen?

Petra Witt: Da beginnt sich eine positive Tendenz allmählich abzuzeichnen: Die Bereitschaft der Bevölkerung zur Investition in die Bildung wächst langsam, aber kontinuierlich. Dies zeugt von zunehmender Eigenverantwortung und steigendem Qualitätsbewusstsein. Dass auch der Informationsbedarf gewachsen ist, erkennen wir z. B. am großen Zuspruch beim Tag der offenen Tür und an der starken Inanspruchnahme der "Schnuppertage". Hier ist die Mund-zu-Mund-Propaganda ein wichtiger Multiplikator für das Konzept einer Privatschule.

 

Kultur-Kanal: Der Angebotsdschungel an den unterschiedlich ausgerichteten Privatschulen wird immer unübersichtlicher. Sicher tummeln sich da auch einige schwarze Schafe?

Petra Witt: Wie in jeder Branche kann so was selbstverständlich auch bei Privatschulen vorkommen. Zurzeit werben wir vom VDP für die Einführung des Bildungsgutscheines, der jedem von der Grundschule an die freie Auswahl der Schule, die er oder sie besuchen möchte, überlassen soll. Erst dann haben wir die im Grundgesetz verankerte freie Auswahl der Bildungsstätten. Neu ist die Entwicklung der Veröffentlichung von Qualitätsmerkmalen von Bildungsangeboten über unabhängige Experten. Die Stiftung Warentest - Abteilung Bildungstest - prüft die Qualität und Seriosität von Bildungsangeboten und macht die Ergebnisse öffentlich, zunächst jedoch nur im beruflichen Bereich.
Generell befürworte ich das Vorhandensein einer Vielzahl von Bildungsträgern und Bildungsgängen, denn Vielfalt und freie Auswahl sind unverzichtbare demokratische Grundprinzipien.
Viele Eltern wünschen sich auch eine deutlichere Übereinstimmung zwischen ihren Erziehungsvorstellungen und dem Angebot 'der Schulen. Daher muss auch die Option bestehen, eine Schule mit besonderen pädagogischen Schwerpunkten besuchen zu können. Eine hohe Bandbreite zuzulassen, ist hier ein Muss! Für eine bessere Information über neuere pädagogische Strömungen sollten entsprechende Fernsehbildungskanäle entwickelt werden! Eine Beschränkung auf pädagogischen Einheitsbrei bedeutet immer Stagnation. Das kann und darf nicht in unserem Sinne sein.

 

Kultur-Kanal: Für wie wichtig halten Sie Bildung bereits im Vorschulalter?

Petra Witt: Gerade im Vorschulbereich erlebt man zurzeit eine wahre Renaissance von Aktivitäten der Schulen und Kindergärten. Unsere Kultur ist teils christlich, teils säkular geprägt. Von daher wünschen viele Eltern, ihre Kinder schon in der Vorschule und im Kindergarten ethisch und moralisch in entsprechende Strukturen einzubinden. Neben dem staatlichen Kindergartenwesen erfreut sich deshalb auch vor allem das freie Kindergartenwesen einer wachsenden Beliebtheit. Daneben ist es auch wichtig, Kindern schon im "Prägealter" Schlüsselqualifikationen und Fremdsprachen, aber auch ethische Werte zu vermitteln, da das Lernen in keinem Alter leichter fällt. Hier = erworbene Qualifikationen sind für den weiteren Lern- und Arbeitsweg von größter Bedeutung.

 

Kultur-Kanal: Frau Witt, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

 

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